Ich bin Zunftbruder einer E.E. Zunft zu Rebleuten
(Kapitel aus meiner Autobiografie "Ich habe gelebt !")" Letzte Aenderung: Version 1.0 vom 29. Jan. 2022)


Zunft-/Wolfsbecher

Meine Familie konnte sich nicht auf baslerische Traditionen und Herkunft berufen. Meine Eltern und Grosseltern kamen nämlich aus dem nahen Markgräflerland und dem Elsass. Sie waren "Schwobe" und "Waggis". Dies muss meinem Vater schwer aufgelegen sein, als er sich entschloss in der Basler Gesellschaft mitzumischen.

Wie mein Vater ein echter Basler werden wollte

So wurde er Mitglied und später auch Präsident des Jugendfest-Vereins St.Johann. Eines Tages entdeckte er seine Liebe zur Basler Fasnacht und wurde Mitglied der renommierten Olympia Clique. Nach kurzer Zeit kam er mit einem Piccolo, dem typischen Fasnachts-Blasinstrument neben der Trommel daher und nahm Musik-Unterricht. Mein Vater war sehr musikalisch. Er spielte z.B. spitzenmässig Klavier. Aber mit dem Piccolo hattte er seine Mühe. Bald lag es nur noch neben dem Radio und wartete, dass man mit ihm übte.

Für mich war es eine Herausforderung, aus dem Piccolo einen Ton herauszubekommen. Bald tönte es, aber ich brauchte dazu mein gesamtes Lungen-Volumen. Ein Nachbar zeigte mir, wie ich ohne grossen Aufwand verschiedene Töne aus dem Blasinstrument herausbekam. Am "Arabi" begann und endete meine Piccolo-Karriere. Ich konnte recht schnell den Marsch blasen, aber ich hatte keine oder wenig Zeit. Die Schule hatte den Vorrang, meinten meine Eltern!

Mein Vater konnte seine Bemühungen, in der Basler Gesellschaft anzukommen, nicht mehr ernten. Er starb vorher 51-jährig im Aug. 1964 an einem Autounfall in England.

Ich wurde Zunftbruder "E.E.Zunft zu Rebleuten"

Anfang der 50er Jahren wurde mein Vater in "Eine Ehrenwerte Zunft zu Rebleuten" aufgenommen. Als Voraussetzung zur Aufnahme musste seine Herkunft aus der Berufsgattung der Zunft sein oder er brauchte einen "Götti", d.h. einen Zunftbruder dieser Rebleuten Zunft. Dies war Otto Hämmerle, ein Freund unserer Familie und Pate meiner Schwester Christina.


Zunftabzeichen Wolf

Die altehrwürdige E.E. Zunft zu Rebleuten wurde in der Zeit zwischen 1364 und 1366 in Basel gegründet. Sie war die Zunft der Rebleute und der Grautücher. Sie gehört noch heute zu einer der reichsten Zünfte, denn sie hat u.a. im 1954 ihr Zunfthaus an der Freienstrasse resp. deren Grund und Boden dem Globus-Konzern im Baurecht verpachtet und erhält dafür jährlich einen schönen Pachtzins von mehreren 100`000 Franken.

Alljährlich findet Ende Oktober das Zunftessen statt. Es ist ein erz-konservativer Anlass voller Traditionen. Dunkler Anzug mit Kravatte und tragen des Wolf-Zunftabzeichens waren vorgeschrieben. Da die Zünftigkeit vererbbar war, wurde ich am Zunftessen von 1963 als neuer volljähriger Zunftbruder, wie es so schön heisst, aufgenommen.

Im Aufnahme-Prozedere galt es, den mit Weisswein gefüllten Wolfs-Becher (siehe Bild oben rechts) auszutrinken. Im Laufe der Jahre hatte sich dabei eine Art Wettbewerb gebildet. Wie schnell kontte ein Neuling den 05-0.7 liter Inhalt austrinken. Es gab solche, die konnten ohne zu Schlucken den Becher leeren. Als Zeichen, dass der Zinnkrug leer ausgetrunken war, musste man ihn drehen. Wehe es flossen mehr als ein paar Tropfen Wein auf den Boden. Dies war für den Kandidaten und auch seinen Vater eine Schande. Mit Buh-Rufen wurde er von der Bühne verabschiedet. Ich begnügte mich mit grossen schnellen Schlücken und war einer der schnellsten. Mein Vater war stolz auf mich und wurde von den umstehenden Zunftbrüdern beglückwünscht.

Der Tag meiner Aufnahme war von Aufregung geprägt, denn ich befand mich zu jener Zeit in meinem ersten militärischen Wiederholungskurs (WK) in Brienz und konnte erst um die Mittagszeit abtreten. Um dennoch zur Zeit ins Stadt-Casino in Basel zu gelangen, hat mich Urs Hämmerle, er war etwa 1 Jahr älter, in Brienz mit dem Auto abgeholt

Damals in den 60er-Jahren war das jährliche Zunftessen ein grosses gesellschaftliches Ereignis. Man hatte wenige Gelegenheiten für solche Festivitäten und noch weniger das Geld, auswärts Essen zu gehen und sich zu vergnügen. Deswegen war es ein Fest-Anlass, wenn man sich einmal im Jahr im dunklen Anzug mit etwa 300 zünftigen Freunden traf. Anfänglich im Stadt-Casino, später dann im Wettstein-Saal des Hotel Hiltons beim Bahnhof SBB. Um 18:30 Uhr begann der Anlass mit dem Einmarsch des Vorstandes und endete nach Mitternacht. Die Zunftbrüder jeden Altesrs, der älteste war um die 95 Jahre alt, genossen das feine 3-Gang Essen untermalt durch Darbietungen des Zunftspiels und -Chors sowie Ansprachen des Zunftmeisters und der eingeladenen Gäste aus Politik und Wirtschaft.

Während die "Alten" über vergangene Zeiten schwärmten, flüchteten wir Jüngeren nach dem Essen und den Aufnahmen regelmässig aus dem Saal. Oft war im Nebensaal des Stadt-Casinos ein Vereinsanlass mit Tanz, oder wir trafen uns in der Rio- und Casita-Bar am Barfüsserplatz.


Mein Veteranen-Becher

"Tradition" hiess das Thema der Basler Zünfte. Rückblickend lebten wir an diesen Zusammenkünften in einer anderen Welt. Wir waren ein reiner Herren-Club. Frauen konnten gemäss Satzung nicht aufgenommen werden. Die Zeit des Mittelalter schien stehen geblieben zu sein.

Nach dem Zunftessen war es üblich, dass der junge Zunftbruder seinen etwas älteren Vater nach Hause brachte, oder ihn in ein Taxi nach Hause fahren liess. Wir Jungen festeten öfters privat weiter und kamen bei Tagesanbruich nach Hause.

Zum Abschluss des Abends gab es an der Garderobe einen sog. Bhaltis. Einen Sack mit feinem Weihnachtsgebäck aus bester Confiserie. Es war üblich, den Bhaltis seiner Frau oder Mutter nach Hause zu bringen. Mein Vater starb 1 Jahr nach meiner Aufnahme anlässlich einer Ferienreise in England

Am Zunftessen des Jahres 2003 erhielt ich nach 40 Jahren als Zunftbruder den Veteranen-Becher. Es sollte einer meiner letzten Teilnahmen werden, denn von da an verbrachte ich den Winter in Spanien und anschliessend in Thailand. Ich besuchte nur noch selten eine Zunft-Veranstaltung. Es war nicht mehr meine Welt. Meine Welt war die Zukunft.

 

Autobiografie von Max Lehmann
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