Kurzgeschichten und Gerüchte aus Solaris (Teil 1)

Auf einem Campingplatz ereignet sich so vieles. Man braucht einzig mit offenen Ohren und Augen herumzugehen. Zwischenmenschliche Beziehungen entstehen oder gehen kaputt. Jeder Camper ist interessiert zu erfahren, was im Nebenzelt passiert. Die Gerüchte-Küche brodeltt: Hat der Max schon wieder eine neue Freundin? oder ist es nur die Nachbarin?

An dieser Stelle werde ich ein paar Geschichte, die mir zu Ohren kamen, für Euch niederschreiben. Einige sind wahr, andere reine Lügen, die Mehrheit enthält ein paar Körner Wahrheit.

Der Schlafwandler

Wer kennt nicht die vielen Geschichten und Erlebnisse von Schlafwandlern, die auf dem Dachfirst oder -Vorsprung gewandelt sind.

Vor kurzem erzählt mir ein  Freund, dass er nachts im Wohnwagen ein tieferes Bedürfnis verspürte und dabei aufgewacht sei. Er stand auf, um auf die Campingplatz-Toilette zu gehen, fand aber die Türe aus dem Wohnwagen nicht. Wie er mir versicherte, gab es keine Türe, weder vorne noch hinten Er sei richtiggehend im Wohnwagen herumgeirrt und hätte dabei nur die Türe zur Wohnwagen-Nasszelle gefunden.

Als er sich dann frustriert und immer noch mit Druck auf der Blase wieder ins Bett legte, kurz zurückschaute, sah er, dass die Wohnwagentüre bereits offen war. Deshalb hatte er sie nicht gefunden

Er schwörte mir, dass er vor dem Zubettgehen nur ein kleines, oder auch zwei Bierchen getrunken habe.

Zirkus AloisiusDer Zirkus kommt

Heute früh wollte ich in aller Ruhe ohne viel Geschwätz auf der Sanitär-Anlage 12, wie man hier auf Solaris die menschliche Toiletten-, Dusch- und Waschanlage nennt, meine Geschäfte verrichten. Ich ging wie immer ins Frauen-Abteil. Es hält sich keiner an diese Frauen/Männchen-Zeichen beim Eingang. Wir Männer lassen uns nicht wegschicken und diskriminieren, denn vor dem Krieg war dieses Abteil nicht Geschlechter getrennt.

Da passierte etwas, was ich gar nicht mochte: die Nachbarin Eleonora sprach mich an, während meine elektrische Zahnbürste in meinem Mund steckte und vibrierte: „Hast Du schon gehört, der Zirkus kommt bald auf Deine Wiese. Die Seiltänzer trainieren schon.“

So ein Blödsinn, dachte ich mir. Sie wollten zwar schon einmal ein Kinderbecken hier oben bauen. Direkt vor dem Dieter und der Bärbel. Aber ein Zirkus?

Ein paar Stunden später. Es war nachmittags. Ich hatte kurz geschlafen und traute meinen Augen nicht. Da übte doch tatsächlich ein grossgewachsener Seiltänzer in Adonis-Figur auf einem blauen Seil zwischen zwei Olivenbäumen ein paar Schritte vor- und ein paar Schritte rückwärts. Einmal war sein rechtes Bein nach aussen gestreckt, und schon kurz darauf sein anderes. In der Tat, bald kommt der Zirkus Aloisius

Wasserleitungen

Dort wo ich den Wohnwagen stehen habe, gibt es kein fliessendes Wasser, nur elektrische Stromanschlüsse. Also habe ich einen 25 m langen Schlauch von unterhalb der Strasse gelegt. Damit kann ich meine Wassertanks und Blumen-Giesskannen auffüllen … und auch den Rasen giessen, wenn er am abdorren ist.

Dasselbe Problem haben auch andere, wie z.B. der Jonas oben an der Camping-Hecke. Er brauchte aber 50 m Schlauch. Das Wasser kam auch oben an, aber er hörte auch, dass dies nicht erlaubt sei. Man hört ja so viel auf einem Campingplatz!

So hat er sich an die Wasser-Leitung eines Slowenen angehängt, dessen Wasserleitung unsichtbar der Hecke entlang geführt ist. Da fühlte er sich sicher. Jonas war glücklich. Das Wasser sprudelte, wenn es nicht gerade vom Slowenen für die Wäsche und andere unhygienische Verschleierungen benutzt wurde. Sein Rasen und sein Blumenbeet um den Baum wuchs und gedieh. Er sprach bereits vom Kartoffel-Anbau. Auch die Ameisen waren zufrieden. Bis eines Tages zwei weibliche Wesen ihr Auto und ihr Zelt auf Jonas Schlauch stellten und Jonas Idylle zunichte machte. Seither sitzt Jonas da und wartet, wartet, bis sie endlich abziehen. Dann will er den Schlauch vergraben.

Der Lattenrost ist ausgezogen !

In den heutigen Wohnwagen schläft man nicht mehr auf den Sitzpolstern einer Sitzbank. Heute träumt man auf Lattenrosten und Federkernmatratzen. Es gibt Einzelbetten mit einem ca. 50 cm grossen Gang dazwischen oder die grösseren 1.60m breiten Massenlager oder Sportbetten. Die Einzelbetten als Schlafgelegenheit für langjährige Ehepaare und die grösseren Betten für Sportveranstaltungen bei Jungverliebten oder eben Gruppen.

Ein raffinierte Lösung wählte das Ehepaar Fendt (Name ist geändert), indem es zwischen den Einzelbetten einen ausziehbaren Lattenrost anbrachte. Entweder schlief darauf der Hund, also zwischen Herrchen und Frauchen, oder er muss weg, dann ist die Sache auch klar. Dann heisst es: „Der Lattenrost ist ausgezogen, heute ist er für uns. Die Spielwiese ist bereit!“

 

Print Friendly, PDF & Email

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://www.maxlehmann.ch/wpeuro/2012/07/18/kurzgeschichten-und-geruchte-aus-solaris-teil-1/

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.