Meine Jugendzeit (1950 - 59)
(Kapitel aus meiner Autobiografie "Ich habe gelebt" Letzte Aenderung: Version 1.1 vom 22. April 2017)

Ein Arzt, Jurist oder Pfarrer sollte ich werden

Meine Eltern wollten aus mir etwas besonderes machen. Ein Arzt, Jurist oder Pfarrer sollte ich werden. Deshalb auch ihr Entscheid, mich in das altsprachliche "Humanistische Gymnasium (HG)" zu schicken, obwohl ich, wie ich heute weiss, ein absolutes Sprachferkel war und immer noch bin, wohingegen mir die mathematischen Fächer auf den Leib geschnitten wären. Ich vernute, dass mir das MNG (Mathematisch-Naturwissenschaftliches Gymnasium) eher auf den Leib geschnitten gewesen wäre. Zu der Zeit gab es aber noch keine psychologischen Tests.

Von Natur aus war ich ein fauler Schüler. Vielleicht müsste ich es präzisieren: ein berechnender Schüler, der nur soviel arbeitete, dass er problemlos seine Ziele oder die nächste Stufe erreichen konnte. Meine Schwierigkeiten mit Fremdsprachen kamen noch dazu. Diese mochte ich gar nicht, weil ich mit den Vokabeln und der sprachlichen Logik meine Mühe hatte. Meiner Genügsamkeit und den Problemen mit Fremdsprachen setzten meine Eltern ihren Druck als "Autoritäts-Person" entgegen.

Ich musste lernen! Auch in den Ferien und bekam dazu Nachhilfestunden. Während meine Freunde am freien Mittwoch-Nachmittag oder Samstags mit den Pfadis in der freien Natur herumtollen konnten, musste ich lernen. Ich durfte weder zu den Pfadfindern, noch durfte ich Eishockey spielen. Gerade Eishockey hätte ich so gerne gespielt. Ich habe mich diesem Druck gebeugt und ihn akzeptiert. Als kleiner Bub und Sohn hatte und kannte ich keine anderen Möglichkeiten. Ich habe nichts anderes gekannt, als zu gehorchen und mich unterzuordnen.

Meine Freizeit beschränkte sich aufs Baden im Eglisee und Schlittschuhfahren. Dies aber erst, wenn ich meine Aufgaben gemacht und genügend gelernt hatte. So ist es auch verständlich, dass ich glücklich war und eine grosse Last von mir fiel, als ich endlich die Promotion in die 5. Klasse des Gymnasiums nicht schaffte.

Ich lebte auf. Von nun an spürte ich keinen Druck mehr. Meine Eltern liessen mich gewähren. Ich durfte sogar beim HS Nordstern Landhockey spielen, aber meine besten Jugendjahre waren vorbei.

Ich blieb jedoch Zeit meines Lebens ehrgeizig und strebsam und konnte bis ins höhere Alter nicht loslassen. Noch jetzt habe ich im Unterbewusstsein "Versagensängste", indem ich von Zeit zu Zeit nachts über ein Versagen bei meinen Technikums-Prüfungen träume und schweiss-überströmt aufwache. Da ich diese Träume kenne, realisiere ich schnell, dass diese geträumten Erlebnisse nicht real sind. Scheinbar beschäftigt mich meine damalige "lausige" und nicht ehrgeizige Vorbereitung auf mein Chemie-Diplom, die gar nicht meiner Art entsprach, auch 40 Jahre später im Unterbewusstsein.

Meine Schulzeit

Meine ganze obligatorische Schulzeit verbrachte ich in Basel und vom Klingelberg aus, wo ich wohnte. Die 4 Jahre Primarschule sass ich im St. Johann-Schulhaus hinter dem Schällemätteli (=Gefängnis) ab. Es war zu Fuss erreichbar. Anders dann die 4 Jahre Humanistisches Gymnasium auf dem Münsterberg. Um dorthin zu gelangen, musste ich ein Fahrrad benutzen. Einzig bei Eis und Schnee ging ich zu Fuss, benötigte dazu aber über eine halbe Stunde. Ueber meine 8-jährige Schulzeit berichte ich in einem anderen Kapitel.

Verherrlichung der "Alten Eidgenossen"

Ich gehörte noch zu der Generation, die die alte Eidgenosssenschaft verherrlichte. Im Geschichtsunterricht wurde viel Wert auf die Erfolge der Eidgenossen gelegt. Die Schlacht von Morgarten, als man die Ritter um Herzog Leopold in den Aegerisee jagte. Die Schlacht von Sempach, die Saubannerzüge bis zur Schlacht von Marignano etc. Ich sehe heute noch vor mir, wie Winkelried sich geopfert haben muss, als er mit seinem Körper die feindlichen Lanzen umarmte und damit seinen Kameraden einen freien Weg zu den Gegnern bahnte. Ja, wir Schweizer !!! (Heute baut die SVP auf diesen nicht nachgewiesenen Geschichten ihre Politik auf)

Dies war mein Schulwissen. Heute weiss man, dass man nichts weiss. Man weiss nicht einmal, wo die Schlacht am Morgarten stattgefunden hat. Der einzige Bericht über diese Schlacht wurde erst 30 oder 40 Jahre später geschrieben. Ob es etwas ernsthaftes oder nur ein kleiner Bauernaufstand war, weiss man nicht.

Als ich meine Freunde aus Oesterreich nach diesen Schlachten fragte, wusste niemand etwas über die bösen Eidgenossen. Die österreichische Schulgeschichte bestand aus dem Gross-Oesterreich um Sissy.

Mein Vater, Vorbild für meine politische Erziehung und Verständnis

Ich war ein normaler Junge. Mein Vater war Vorbild, auch wenn es um politische Dinge ging. Noch heute lebe ich seine politische Einstellung in meiner Auslegung aus: die der schweizerischen FDP mit ein wenig Gedankengut des ehemaligen "Landesrings der Unabhängigen".

In meiner Jugendzeit begannen auch die politischen Aktivitäten meines Vater. Er war Mitglied der "Radikal Demokratischen Partei", der FDP nahestehend. Er hat es bis in den Verwaltungsrat des ACV (=Allgemeiner Consum-Verein) gebracht. Bei den Wahlen in den Grossen Rat und des Basler Bürgerrates realisierte er nie. Wir diskutierten oft über die "Andersgläubigen", die roten Sozialdemokraten, deren Vertreter mit dem Fahrrad zu einer Parteiversammlung kämen, aber zu Hause ein tolles Auto stehen hätten. Er relativierte es schon, dass die Sozialdemokraten anfangs des 20. Jahrhundert entscheidend für das Wohl der Arbeiter waren und ihnen viele Rechte zuschanzten, so auch die 5-Tagewoche brachten. Aber in der Neuzeit seien sie veraltet. Sie wollten alles verstaatlichen und versprechen dazu das Schlaraffenland.

Vielleicht war es kein Diskutieren, eher ein Belehren. Aber dennoch hat mich diese Phase in meinem Gedankengut geprägt. Ich bin noch heute ein Markt-Verfechter und meine: "Man muss die freie Marktwirtschaft nur laufen lassen. Angebot und Nachfrage werden es regeln. Wehe, wenn der Staat die Finger drin hat, dann geht es schief." Im Laufe der Jahre habe aber auch ich bemerkt, dass es Leitplanken braucht, damit die freie Marktwirtschaft nicht übertreibt und die Kranken und Schwachen zu Grunde richtet.

Um politisch weiter zu kommen, liess sich mein Vater auch in andere Gremien wie als Präsident des Jugendfestvereins St. Johann oder in den Kirchenrat der protestantischen Kirchgemeinde St. Peter wählen. So wurde es für uns eine Pflicht, mit ihm die sonntäglichen Predigten zu besuchen. Eine Bestrafung war es, wenn es nach dem normalen 1 stündigen Gottesdienst noch ein Abendmahl gab. Wir konnten nicht verschwinden, denn unser Vater teilte Brot und Wein aus.

Auch meine Mutter wurde im Schatten meines Vaters aktiv. Sie liess sich in die Primar-Schulpflege wählen. Dies beeinflusste unser Leben aber weniger, denn zu der Zeit war ich bereits im Gymnasium auf dem Münsterplatz.

Max in Eishockey-Montur (1954)
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Sport

Eishockey:
Mein Traum wäre Eishockey gewesen. Ich war ein brillianter Schlittschuh-Läufer. Gefürchtet und angesehen auf der Kunsteisbahn. Ich war schneller und wendiger als Ältere. Beim "Bandefangis" war ich absolute Spitze und fast nicht zu erwischen. Auf kleinster Fläche konnte ich wenden. Ein paar Mal ging dies aber auch schief, und der eine oder andere musste in die Sanität, weil er mir im Wege stand. Die Mädchen liefen mir nach, aber ich wollte nichts davon wissen. Ich war noch scheu und wusste mit ihnen nichts anzufangen.

Velo-Fahren:
Zu der Zeit war es ganz normal, dass man mit einem zumeist alten Fahrrad umher fuhr. Schon als kleiner Bub fuhr ich mit dem Damenrad meiner Mutter zu Verwandten nach St-Louis. Mit dem Fahrrad fuhr ich in die Schule auf dem Münsterberg. Den faszinierneden Flughafen Basel Mülhausen erreichte ich mit meinem klapprigen Fahrrad. Es war die Zeit der Metropolitan-Flugzeuge. Ich war oft auf dem Flughafen, der noch keine Betonpiste hatte. Die Lande- und Startbahn sowie die Rollwege bestanden aus Lochplatten aus Eisen vom vergangenen Krieg.

Mit 16 Jahren während der KHS-Zeit (Kantonale Handelsschule) arbeitete ich auf der Post und kaufte mir aus dem Verdienst ein schwarzes Raleigh-Velo. Damals das Beste vom Besten. Es war unheimlich schwer. Reiner Stahlrahmen! Dazumal kostete es über 380 SFr. Meine voherigen Velos waren uralt und Rost übersäht. Jedes Jahr habe ich den Rost einmal mit "VIM", einem rauen Sand-Putzmittel, abgeschliffen und mit Silber-Bronce neu gestrichen.

Fussball:
Wie alle Jungens, spielte auch ich oft Fussball. Ich hatte damit auch viel Pech. Oft spielten wir auf dem kiesigen Schulhausplatz. Es kam, wie es kommen musste: Es kam nicht nur ein Ball geflogen, sondern ein Kieselstein direkt auf meine Zahnschaufel. Welch Schreck für mich und meine Mutter, als ich mit dem abgebrochenen Zahn nach Hause kam. Jahrelang trug ich eine goldene Schaufel als mein Markenzeichen.

Es gingen auch einige Scheiben in Brüche. Nach den xten Scherben wurde ich vom damaligen Leiter und Generalagent der Berner-Allgemeine Versicherung, bei dem meine Eltern ihre Haftpflicht-Versicherung hatte, zu sich ins Büro eingeladen. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Er sprach mir ins Gewissen und übergabe mir eine Briefmarken-Lupe als Werbe-Geschenk, die ich bis vor wenigen Jahren noch benutzt habe. Mit diesem raffinierten Schachzug hat er in mir einen zukünftigen Kunden geworben. Ich blieb jahrelang bei der Berner-Versicherung, bis sie von der Allianz übernommen und ihre Politik änderten.

"Turnen" in der Schule bis zum militärischen Vorunterricht:
Turnen war in der Schule mein Lieblingsfach. In Leichtathletik war ich ziemlich gut, aber andere waren immer schneller, sprangen weiter und höher. Ich war eben zu klein!

Im Klettern an den 5-6 m langen Stangen war ich sehr schnell, dabei machte ich aber immer einen geschobenen (Früh-)Start, indem ich so absprang, dass ich beim Ertönen des Pfiffs bereits an der Stange klebte. Ich war überzeugt, dies sei richtig. Nie hat einer reklamiert. Meine Schnellste Zeit war 3.2 Sekunden die Stange hinauf und wieder hinunter, aber mit Frühstart!

Kanarienvögel

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wer auf die Idee mit den Vögeln kam. Irgendwann war es aber soweit, dass wir uns Kanarienvögel kaufen wollten. Das Züchter-Ehepaar wohnte im Kleinbasel in einer kleinen Wohnung, in der 1 ganzes Zimmer angefüllt mit einer Unzahl von Käfigen nur für die Kanarienvögel reserviert war. Dort drin standen wir und liessen uns beraten, rundherum flatternde und piepsende Kanarienvögel. Die grünen Kanarienvögel waren in ihrer ursprünglichen Farbe, und noch nicht degeneriert. Es gab bereits solche mit gelbem, rosa und weissem Gefieder. Wir entschlossen uns für die dunkel-grünen, weil sie länger leben sollten. Ein Pärchen sollte es sein, damit sie nicht einsam seien und vielleicht sogar Junge haben konnten.

Zu Hause baute mein Vater aus Alu-Profilen, feinem Drahtgeflecht und verzinktem Stahlblech eine recht grosse Vogel-Voliere für unser Kanarienvogel-Pärchen. Ich durfte ihm dabei helfen. Die Profil mussten zugesägt und in einem Abstand von ca. 1 cm feine Löcher gebohrt werden. So entstand ein ganz toller Flugpalast für unser Pärchen. Er stand auf Augenhöhe direkt an einem Fenster, sodass wir ihrem Leben zuschauen konnten.

Es ging nicht lange, da lagen eines Morgens zwei Eier auf dem Boden des Käfigs. Wir hatten es verpasst, ein Brut-Nest aufzuhängen, und mussten die Eier entfernen. Aber bereits nach wenigen Wochen, war es wieder soweit. Es lagen 3 Eier im Brutnestchen und das Weibchen brütete sie geduldvoll aus. Wie konnte nur das niedliche Weibchen diese grossen Eier aus ihrem kleinen Körper herauspressen? Sie hatte keine Angst, wenn wir zwei Kinder ihr entzückt zuschauten. Nach 13-14 Tagen Brutzeit schlüpften tatsächlich 3 Junge aus. Nun begann aber ein Drama, denn die Alten wollten sie nicht füttern. So haben wir auf Anraten der Züchters Eier gekocht und das Eigelb mittels Hölzchen (Zahnstocher) den Jungen gefüttert. Eines hat überlebt!

Als Konsequenz baute ich mit meinem Vater eine zweite Voliere, damit wir genügend Platz für eine zweite Kanarienvogel-Familie hatten. War unser Junges nun ein Weibchen oder Männchen? Der Züchter meinte, dies sei schwer festzustellen, am besten anhand des Gesanges. Die wenigsten Weibchen singen. So warteten wir Wochenlang bis wir uns sicher waren, es sang, es war ein Männchen. Es war zwar kein grosser Sänger, aber vielleicht auch deswegen, weil er alleine war. So kauften wir für ihn ein Weibchen.

Aber es passierte mit dem neuen Pärchen nichts. Sie legten keine Eier. Schlussendlich wussten wir, wir hatten nun zwei Weibchen!

Basteln und Schreinern

Mein Grossvater war Schreiner und hatte eine gut ausgerüstete Werkstatt im Keller am Klingelberg. Oft durfte ich dabei sein und ihm auch helfen, wenn er an einem Möbelstück arbeitete. Für mich baute er u.a. einen Bettumbau. Auch mein Vater bastelte oft. Von beiden habe ich bestimmt meine manuellen Fertigkeiten geerbt, die ich habe.

An einem meiner Geburtstage bekam ich einen Laubsägeli-Kasten, mit dem ich feines Holz sägen konnte. Dazu bekam ich eine Flugzeug-Modell, das ich vorerst aus dem beiligenden Sperr- und Balsa-Holz aussägen und zusammenleimen musste. Nach vielen Stunden Arbeit und feinem Abschleifen konnte ich die beiden Tragflächen und den Rumpf mit feinem Papier überkleben und mit Knochen-Leim beschichten. Nun stand das mittelgrosse Flugzeug mit einer Spannweite von etwa 1.50 m bereit zum Erstflug. Es flog, aber zufrieden war ich damit nicht. Nach wenigen Metern lag es am Boden. Ich musste es immer wieder vom Boden aufheben und in die Luft schleudern. Lange Flüge waren nicht möglich. Das Basteln und Herstellen des Flugzeug hat mir gefallen, aber als Spielzeug weniger .....?

Meine manuellen Fähigkeiten habe ich manchmal auch im falschen Moment eingesetzt. Eines Tages hatten wir den Maler im Hause. Es war ein Nachbar. Als ich im Keller eine offene Büchse mit weisser Oelfarbe entdeckte, konnte ich mich nicht zurückhalten und habe neben der Keller-Treppe eine kleine Fläche weiss bemalt. Ein paar Tage später bekam ich vom Maler links und rechts eine schallende Ohrfeige, die sich gewaschen hatte. Seither habe ich ihn nie mehr gegrüsst!

Meine manuellen Fertigkeiten kamen mir immer zu Gute. So war auch der Entscheid, nach dem sprachlichen Desaster eine Laboranten-Lehre zu beginnen, ein weiser Beschluss meiner Eltern. Zeit meines Lebens war ich immer froh um meine handlichen Fertigkeiten. Mein erstes Auto der DKW-1000 wäre nie gefahren, wenn ich ihn nicht teilweise auseinander genommen und repariert hätte.

Jugendfest St. Johann

"Fi-Fa-Fo, s'Jugendfescht isch do, aber nyt in Räge cho" so lautete der Gesang des Jugendfest St. Johann.

Zu den politischen Aktivitäen meiner Eltern gehörte es, sich auch im Quartier zu zeigen. Zuerst waren meine Eltern nur Mitglied im Jugendfest-Verein St. Johann, dann leiteten sie Grupppen und schlussendlich wurde mein Vater Präsident dieses zu der Zeit hochangesehenen Vereins. Der Höhepunkt im Jugenfest-Verein war jeweilen das jährliche Jugendfest im Sommer. Man konnte sich dazu Kostüme mieten. Sei es ein Zwergli, ein Blumen-Mädchen oder ein Fahnenträger. Ich war meistens ein Johanniter, meine Schwester zweimal die St.-Johanns-Jungfrau, die wichtigste Figur an diesem Kinderfest. Johanniter zu sein, war begehrt, denn man holte die St. Johanns-Jungfrau zu Hause ab und bekam dabei immer etwas zu Trinken. Der Leiter der Johannniter-Gruppe war jahrelang Herr Mundwiler. Wir liebten ihn!

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Das Jugendfest war fürs Quartier jedesmal ein Festtag. Angeführt von der Polizei und einer Musikkapelle führte der Umzugs durchs ganze St.Johann. Wir Kinder sangen dabei lautstark "Fi-Fa-Fo, s'Jugendfescht isch do, aber nyt in Räge cho".

Zum Abschluss gab es einen Bhaltis. Sei das ein eingravierter Löffel oder ein Becher. Das Jugendfest war zu der Zeit, es ging den Leuten noch nicht so gut, ein gewaltiges Erlebnis. Heute existiert dieser Verein zwar noch, aber er ist am dahin serbeln. Die Zeit der Quartierfeste ist endgültig vorbei.

Mein Schulfreund Gerhard Saubermann, alias dr'Saubi, seines Zeichens Zahnarzt, hat in seinem Buch "Basel dur Kinderauge" folgendes feines Gedicht über S'Jugendfescht St. Johann geschrieben:

D'Sunne blinzlet dur e Baum,
Macht d'Härze-n-uff und wyter
Und weggt e-n-alte Kinderdraum,
Vo scheene Johannyter.

Lueg, wie däm sydig'Maiteli
Sy Drachtereggli stoht,
Wie's Bliemli nääbem Schaiteli,
Und's riecht no Wurscht und Broot.

S'het Ehredaame, Kemmifääger,
Au Begg-n-und Matroose,
Und d'Muusiger in Hoosedrääger
Dien zäme-n-aine bloose.

Es flattere die bunte Fähne,
Si drummle scho, s'goht loos,
E Mueter butzt sich ab e Dräne,
Und s'Glainscht fiehlt sich scho grooss.

Me stoht am Rand und frait sich mit,
Loost s'Drummle-n-in de Stroose,
Und loost, was aim d'Erinnerig git,
So gniesse's au die Grosse.

Radio Hören

In meiner Jugendzeit war es das höchste der Gefühle, Radio zu hören. Als Kind hatte ich einen Lautsprecher im Zimmer und hörte mit, was meine Eltern mir freigaben resp. selber hörten. Auf die Konfirmation erhielt ich einen eigenen Nord Mende Röhrenradio mit UKW, Mittel- und Langwellen. Nun war ich unabhängig und konnte hören, was ich wollte. Als Vorbereitung auf meine erste Italien-Reise lernte ich vom Südwestfunkt Deutschland "elementares Italienisch". Aber es reichte vollends. Ich konnte mich leidvoll bemerkbar machen.

Eine der ganz grossen Sendungen und Strassenfeger waren: "Mein Name ist Paul Cox" (ab 1963) geschrieben von Rolf und Alexandra Becker. Wer erinnert sich nicht an die markante Stimme des Paul Cox, des Schauspielers Helmut Dickow.

Weitere Hammer-Sendungen waren in den 50er-Jahren die Sendungen "Spalebärg 77a" und "Bis Ehrsams zum schwarze Kaffi" von und mit Margrit Rainer und Ruedi Walter. Bei deren Ausstrahlung sass jeweils die halbe Schweiz über den Mittag (13 Uhr) vor dem Radio.

Dan auch "Café Endspurt" von Schweiz Radio Beromünster von und mit Josef Renggli, dem berühmten Radio-Sportsreporter, eine Sport-Sendung gemischt mit Musik und dem Stammgast Jimmy Muff alias Werner von Aesch als Gast, war ein Gassenfeger. 1952-62 jeden Freitag-Mittag 1 Stunde lang nach den Nachrichten.

Stolz war ich auf Max "Megge" Lehmann weil ich denselben Vor- und Familiennamen trug. Er erlernte ursprünglich den Beruf eines Mittelschullehrers, war später dann als Kabarettist («Federal»), Schauspieler und als Regisseur von Musicals tätig. Als Entertainer hatte er mit der Schweizer Schauspielerin Valerie Steinmann verheiratete Lehmann verschiedene Auftritte im Radio und Fernsehen. Zudem betreute er als Produktionsleiter Fernsehsendungen wie Jean-Pierre Gerwigs «Rendez-vous», Hans O. Staubs «Rundschau» und Heiner Gautschys «Bericht aus New York».

Fernsehen

Die ersten Fernsehsendung in der Schweiz wurde ab 1953 an 5 Abenden während je 1 Stunde ausgestrahlt. Eine der berühmtesten Sendungen war die Live-Uebertragung und gleichzeitig erste Eurovisions-Sendung der Hochzeit von Königin Elisabeth II von England im Juni 1953. Ein weiteres Highlight war die Ausstrahlung der Fussball-Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz. Um diese Sendungen zu sehen, musste man sich vor die Schaufenster der Radio- und Fernsehgeschäfte stellen. Da stauten sich dann die Zuschauer.

Wir hatten zu Hause lange keinen Fernseher. Anfänglich gingen wir zu den Allschwilern, die bereits von Anfang an einen Fernseher hatten. Unser Vater sah dann vorallem zwischen Weihnachten und Neujahr das Eishockey-Turnier des Spengler-Cup. Erst gegen Ende der 50er-Jahre konnten wir uns einen Farb-Fernseher in den Formaten PAL und SECAM (Französisches Fernseh-Format) leisten. Sie waren damals noch sehr teuer und Luxus.

Das Fernsehen war eine neue Technologie. Innert 10-12 Jahren hat es sich in der Bevölkerung verbreitet und das öffentliche Leben total umgestellt. Die Parteien entdeckten, dass man via Fernsehen Wahlen gewinnen konnte, dass die Informationen des Fernsehens aktueller als die der geschriebenen Presse war. Das Fernsehen konnte Meinung bilden, aber auch (falsch) steuern. was vorallem Diktaturen und zentralistische Länder missbrauchten. Radio und vorallem Fernsehen waren die Basis des Kalten Krieges.

Als wir unseren ersten Fernseher bekamen, war ich bereits in der Lehre, also kein Kind mehr. Grosse Stars wurden geboren und verehrt: Männi Weber, Heidi Abel, Kurt Felix und viele mehr. Für mich war Fernsehen aber noch nicht von grosser Bedeutung.

Christliche Erziehung

Obwohl unsere Mutter katholischen Glaubens war, wurden wir beide reformiert erzogen. Dazu gehörten nicht nur die sonntäglichen Kirchgänge, die Kinderlehre und der Konfirmations-Unterricht, sondern auch die Gebete. Vor dem Mittag- und Nachtessen, aber auch vor dem Einschlafen haben wir gebetet. Wir beide haben das Beten nicht geliebt. Es war für uns ein Aergerniss und vorallem Zeitverschwendung, bis wir endlich essen durften. Wehe aber, wenn wir zu schnell die Worte herunterleierten, dann mussten wir das Gebet wiederholen.

Die Kinder-Gebete
Das NachtgebetDas Tischgebet
Müde bin ich geh zur Ruh,
Schliesse beide Äuglein zu
Vater lass die Äuglein dein,
Ueber meinem Bette sein.
An dieses Gebet kann ich mich nicht mehr erinnern.

Christliche Kinderlehre im Missionshaus St. Johann

Parallel zur Primarschule besuchten wir jeden Sonntag um 10 Uhr die einstündige Kinderlehre im Missionshaus St.Johann. Es war eine Vorstufe zum Konfirmations-Unterricht. Im Saal des Missionshauses sassen wir getrennt nach Alter und Geschlecht. Herr Kürner war der Leiter. Uns wurde die Bibel beigebracht, wir lernten die Kirchenlieder und übten im Beten des "Unser Vater".

Zum Abschluss der Kinderlehre durften wir einen "Batzen", d.h. 10- oder 20-Rappen ins "Negerli" einwerfen. Diese "Negerli" waren zur damaligen Zeit das typische Sammelgefässe und ergänzten den Opferstock. Mit diesen figürlichen Opferstöcke wurden früher in Kirchen und Amtsstuben für die Missionen Geld gesammelt. Warf man eine Münze in den Behälter, so bedankt sich der schwarze Knabe mit einem freundlichen Kopfnicken.

Ich ging gerne in die Kinderlehre. Wahrscheinlich wegen des Universitäts-Brunnens. Sowohl im Sommer wie auch im Winter führte uns der Heimweg an diesem Brunnen vor dem Chemiebau der Universität Basel vorbei. Es entbrannten Kämpfe rund um den Brunnen mit grossen Wasserschlachten. Trocken kam ich nie nach Hause. Oft dauerte es aber eine ganze Stunde und meine Eltern wurden von beobachtenden Nachbarn alarmiert.

Für die Aelteren gab es im Sommer ein 2-wöchiges Sommerlager. Im 1954 durfte ich am Lager in Bergün teilnehmen. (Siehe mehr dazu unter dem Kapitel "Ferien in meiner Jugend")

Konfirmations-Unterricht bei Pfr. Ritter

Den Konfirmationsunterricht verbrachte ich beim Pfarrer Ritter, einem freisinnigen Pfarrer. In der Schweiz unterschied man zwischen konservativen und freisinnigen Pfarrer. Pfarrer Ritter war weltoffen. In seiner Freizeit ging er auch ins Kino Union und schaute sich Wildwest-Filme an. Das Kino Union war berühmt berüchtigt. Es gab nur Knaller-Filme in Eastman-Color. Man zahlte einen Eintritt, konnte aber zwei Filme schauen. Es war ein "Kino-Schlauch". Vielleicht 30 Reihen, aber nur 7-8 Stühle in einer Reihe. Man lag meistens in den Stühlen und hielt die Beine über die vordere Reihe.

Pfarrer Ritter war ein lieber Pfarrer. Wir Konfirmanden mussten immer eine Stunde vor dem offiziellen Kirchbeginn in der Kirche sein. Dann war unser Gottesdienst. Er konnte es aber nicht vertragen, wenn gewisse Flegel während dieses Gottesdienstes Mist machten. Dann konnte er wie eine Furie von der Kanzel herunterkommen und dem Flegel eine links und rechts um die Ohren hauen.

Am 22. März 1959 wurde ich in der Peterskirche komfirmiert. Als Geschenk erhielt ich, wie es damals noch üblich war, von meinen Paten meine erste Uhr und von meinen Eltern ein eher ungewöhnliches aber dafür wertvolles Geschenk: einen "NordMende" Radio. Der hatte noch Röhren und musste sich immer zuerst aufwärmen, bis Töne zu hören waren. Aber er hatte bereits UKW ... und Hi-Fi stand angeschrieben.

Nach meiner Konfirmation hat Pfarrer Riter seine Stelle in Basel aufgegeben und übernahm die Leitung einer Internats ausserhalb Basels. Mein Vater meinte, seine Verantwortung als Seelsorger war für Pfarrer Ritter zu schwer.

Erlebnisse und Eckpunkte in meiner Jugendzeit

Pferderennen auf dem Schänzli

Der Besuch der Pferderennen auf dem Schänzli gehörte zu den regelmässigen Traditionen unserer Familie. Ich weiss nicht, woher meine Eltern die Begeisterung für diesen Sport hatten, denn unser Lebensstil passte gar nicht dazu. Sie waren weder Pferdeliebhaber, noch wetteten sie.

Einer der Höhepunkte, nicht nur von mir, sondern auch von meinen Eltern, war die Modeschau mit Liane, der älteren Schwester meines Schulfreundes Giorgio Bevilacqua. Sie war eines der grossgewachsenen Mannequins, die in stolzem Schritt ihre schönen Kleider zeigten. Schwarzhaarig mit feurigem Temperament.

Noch heute erinnere ich mich an die damals berühmten "kleinwüchsigen" Jockeys wie Eric Delaquis. Die Zeitungen wie die "Basler Nachrichten" , die "National Zeitung" oder der "Sport" berichteten ausführlich über die Renntage auf dem Schänzli. Diese Rennen waren ein Grossereignis für Basel.

Fip-Fop-Club

In meiner Jugendzeit stand das Fernsehen noch in den Kinderschuhen. Die wenigsten konnten sich einen Fernseher leisten. Und wenn, dann gab es wenige Kindersendungen. Der Fip-Fop-Club füllte diese Lücke aus und brachte Kinder-Filme in die Schweiz. "Fip", das Mädchen, und "Fop", der Junge, waren die Werbe-Maskottchen der Nestlé-Peter-Cailler-Kohler (NPCK) Schokolade-Firma.

Monatlich erhielten wir Kinder ein Fip-Fop-Info-Heftchen. In den Schoggitafeln von Nestlé-Peter-Cailler-Kohler waren Bilder eingesteckt, die man wie heute bei den "Paninibildchen" tauschen und in ein Album kleben konnte. Jährlich 1 oder 2x wurden wir in den grossen Festsaal der MUBA zu einem Film-Nachmittag eingeladen, wo uns Filme von Charlie Chaplin oder "Dick und Doof" (Laurel and Hardy) vorgeführt wurden. Der Club bestand bis 1956.

Mido-Uhr

Wer aus meiner Altersklasse erinnert sich nicht an den hölzernen Mido-Roboter, den man in den Uhren-Geschäften erhielt. Er warb als Werbefigur und später auch in Komik-Heftchen mit unglaublichen Abenteuern und sollte für die Robustheit der Uhren-Marke Mido werben.

Zolli-Abonnement

Seit ich mit erinnere, hatten wir ein Zolli-Familien-Abonnement. Da der Basler-Zolli mitten in der Stadt liegt, ging es an den Wochenenden oft in den Zolli. Meine Schwester war ganz angefressen und kam einmal sogar mit einem angefressenen Schürze nach Hause. Sie fütterte ihre kleinen Ziegen, die frassen derweil aber an ihrer Schürze!

Ich erinnere mich aber auch an den einen Löwen, dessen Vergnügen es war, die gaffenden Zuschauer durch die Gitterstäbe hindurch anzupinkeln. Wir wussten von dessen Vorliebe und schauten aus der Ferne zu, wie er immer wieder einen Volltreffer landete.

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Fasnacht

Meine erste Fasnacht mit Larve machte ich im 1949, wenige Wochen vor meiner Diphtherie-Erkrankung. Ich hatte bereits eine Larve und eine Trommel, die ich aus einer Ovomaltine-Büchse machte. Woher ich das tolle Kostüm hatte, weiss ich nicht mehr.

In meiner Primarschulzeit war ich ein angefressener Fasnächtler. So ging ich als Waggis mit einr richtigen Larve an die Fasnacht. Zusammen mit Peter Moll, dem Sohn des Christkatholischen Pfarrers, bauten wir uns eine richtige Laterne und gingen mit ihr stolz auf die Strasse. Wir testeten sie im Pfarrhaus auch mit Kerzenbeleuchtung. Sie hat wunderbar geleuchtet. Aber es blieb beim Traum, denn nachts hatten wir auf der Strasse nichts zu suchen. Wir waren dafür zu jung.

Fasnacht
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Meine Eisenbahn

Ich muss etwa 10 Jahre alt gewesen sein, als ich auf Weihnachten eine HO-Märklin-Eisenbahn bekam. Eine Modell-Eisenbahn auf einem grossen Brett 2x1.2m aufgeschraubt. Der Gleisplan enthielt 2 Strecken mit 2 Weichen, wobei die die beiden Strecken sich über einen Berg und Tunnel kreuzten. Am Anfang hatte ich nur 1 Lokomotive, 1 Personenwagen, und 2 kleine Güterwagen.

In der Schweiz waren die Wagen unglaublich teuer. Es waren Luxus-Gegenstände. Aber glücklicherweise hatten wir die Tante Freide. Wenn sie auf dem Weg in den Tessin in Basel vorbeikam, brachte sie mir einen schönen SBB-Personenwagen mit. Sie kam aber nur noch zwei Mal, bevor sie dann starb.

Als ich älter wurde und mehr Geld hatte, kaufte ich mir im Brockenhaus Schienen und Weichen, später auch neue Lokomotiven und Wagen.

Ich war schon über 35 Jahres alt, als ich von Kurt seine alte HO-Eisenbahn samt Schweizer Krokodil geschenkt bekam. Damit konnte ich im Keller der Bollwerkstrasse eine grosse Anlage durch 2 Zimmer aufbauen. Zusammen mit Katja und Daniela spielten wir oft dort unten. Dabei mussten wir uns vom einen Zimmer ins andere zurufen, wenn wieder eine Lokomotove kam oder sogar entgleiste.

Meine musische Erziehung: Klavier-Unterricht

Mein Vater konnte sehr gut Klavier spielen. Er konnte auch improvisieren, d.h. ohne Noten spielen. Er war aussergewöhnlich musikalisch, denn er betreute nebenbei einen Männerchor als Dirigenten. Ich bewunderte und benied ihn um seine Fertigkeit. So kam es, wie es kommen musste: Nicht nur schulisch sollte ich etwas werden, sondern auch musikalisch. Eine Instrumente-Auswahl gab es keine. Es musste einfach Klavier sein.

So wurde ich zu meiner Primarschulzeit zu einem alten Klavierlehrer, einem der alten Schule, der nebenbei auch den Männerchor St.Johann dirigierte, geschickt. In der alten Schule musste man Grundlagen, d.h. das Grund-Handwerk üben: Etuden aufwärts und abwärts. Neben meiner schulischen Aufgaben sollte ich zusätzlich täglich 30 Minuten üben Ich übte nicht viel. Wenn ich dann in die Klavierstunde trabte, riss ich mich zusammen und konnte es so-la-la. Mein Lehrer sagte immer "Der Max hat Talent, aber er will nicht." Dieses Martyrium dauerte so lange, bis ich auf meinem Wunschzettel für Weihnachten schrieb "Ich möchte nicht mehr in die Klavier-Stunden".

Dies ist ein weiteres Beispiel, wie meine Eltern mich nach ihren Wünschen gestalten und formen wollten. Auch Jahre danach, als ich schon Erwachsen und eine Familie hatte, lachten meine Mutter über diese Geschichte mit dem Wunschzettel. Sie kam aber nie auf den Gedanken, dass sie da etwas falsch gemacht hätte.

 

Autobiografie von Max Lehmann
Schafmattweg 13, CH-4102 Binningen
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