Die gute alte Zeit - ein gesellschaftlicher Rückblick zum Verständnis
(Kapitel aus meiner Autobiografie "Ich habe gelebt !" Letzte Aenderung: Vers. 1.0 vom 2. Jan. 2016)

Die gute alte Zeit war eine prüde, konservative Zeit

In den 1950er Jahren waren die Sitten streng. Sex vor der Ehe war ein Tabu und außereheliche Beziehungen erst recht. Die Ehe galt als die einzig rechtmäßige Lebensgemeinschaft, nur so bildete sie die göttliche Schöpfungsordnung ab und bot Schutz und Sicherheit. Frauen entsprachen der sozialen Norm nur als Ehefrauen und Mütter. Ledige Mütter und ihre "Bastarde" waren eine soziale Bedrohung.

Nacktheit oder sogar Sex waren "Unworte" und weder im Sprachgebrauch noch in Zeitschriften oder Magazinen zu finden. In den Nachtlokalen endete der Striptease bei kaschierten Brüsten, indem die Brustwarzen überklebt waren. Die ersten Bikinis sah man in der Oeffentlichkeit erst in den 60er Jahren, als auch die Pille sich durchsetzte.

Klare Rollenverteilung bei Mann und Frau

Auch die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau war klar und gesetzlich geregelt. Mit der Heirat gab die Frau diverse Rechte auf und verpflichtete sich zu Gehorsam und Dienstleistung gegenüber ihrem Gatten. Wollte sie berufstätig sein, musste sie ihn um Erlaubnis fragen. Bis 1977 durfte der Ehemann sogar die Stelle seiner Frau kündigen.

Ende der 1950er Jahre wurden diese Vorstellungen in Frage gestellt. Die Jugend begehrte gegen die Wertevorstellungen der Erwachsenen auf und sagt sich los von der Sittenstrenge und Prüderie ihrer Eltern. Man wollte nicht mehr nur auf der Welt sein, um Traditionen zu entsprechen. Tabus wurden gebrochen und Lust und Liebe wurden zum Thema Nummer eins. Das schlug sich auch in einer neuen, wesentlich freizügigeren Mode wieder. Während viele Menschen die neue Freiheit genossen, kritisierten die Kirchen diese Entwicklung scharf.

Es folgte der Wunsch nach Selbstverwirklichung

Ende der 1960er Jahre erschütterte dann die 68er-Studentenbewegung ganz Europa und veränderte das Wertesystem nachhaltig. Autorität, Kapitalismus und Krieg wurden zuehmend abgelehnt. Stattdessen rückten neue Werte, die den wirtschaftlichen Entwicklungen angemessener erschienen, in den Vordergrund: Kreativität, Kritikfähigkeit und der Wunsch nach Selbstverwirklichung. Im Mittelpunkt stand nicht mehr das Gruppenbedürfnis, sondern Wünsche, Träume und Ziele des Individuums.

Die ersten Frauen begannen zu kämpfen und verlangten nach Gleichberechtigung: sie wollten studieren, arbeiten und sich selbst verwirklichen. Durch die Erfindung und Freigabe der Pille ab 1960 konnten sie nun sogar selbst bestimmen, ob sie Kinder bekommen oder nicht. Die Familie war nicht mehr das Wichtigste. Außerdem forderten die Frauen ihr Recht auf Abtreibung. Ein Skandal, bei dem Kirche und Staat nicht mitmachten. Sukzessive handhabten einzelne Kantone ab 1990 die Abtreibung im Sinne einer Fristenregelung sehr liberal. In der Schweiz wurde der Schwangerschaftsabbruch im Rahmen der Fristenregelung in einer denkwürdigen Volksabstimmung am 2. Juni 2002 mit 72.2% Zustimmung angenommen. Von nun an durfte die betroffene Frau bis zum Ende des 12. Schwangerschafts-Monats über eine Abtreibung selbständig entscheiden

Die Auswirkungen der Politisierung

Diese neue Werte-Entwicklung führte zur Politisierung der Gesellschaft und schlug sich im Parteiensystem nieder. Es entstanden aus den 68er-Bewegung starke linke Gruppierungen wie die POCh (Progressive Organisation der Schweiz) und dann auch die Grünen. Die Grünen wurden in den 1980er Jahren zur Avantgarde des Wertewandels und hielten dem autoritären Staat zivile, multikulturelle und vor allem pazifistische Werte entgegen. Immer mehr junge Männer verweigerten aus religiösen und politischen Gründen den Militärdienst. Sie dienten lieber die doppelte Zeit einer RS im Zivildienst, indem sie in einem Spital oder Altersheim halfen.

Entscheidungsfreiheit als wichtigstes Recht

In den 1990er Jahre flaute die Politisierung ab und die Gesellschaft setzte zunehmend auf Konsum. Werte wurden jetzt von den Gesetzen des Marktes bestimmt: Maximierung von Gewinn, Erfolg und Konkurrenz. Doch schon Mitte der 1990er Jahre begann mit dem Platzen der "New Economie Spekulationsblasen" der Hedonismus der Yuppiegeneration wieder zu wanken.

Es war längst nicht mehr rückgängig zu machen, dass die Menschen ihre Rollen selbst definieren und ihre Entscheidungsfreiheit erhalten wollten. Das galt vor allem für Beziehungen. Die Scheidungsrate stieg bald auf 50 Prozent und die Zahl der Trennungskinder wuchs, wie auch die Zahl der Patchworkfamilien. Viele Partnerschaften blieben Lebensabschnittsgemeinschaften. Homosexualität war keine Straftat mehr und Verletzungen der Menschenwürde und Diskriminierungen wurden weniger akzeptiert. Werte wie Umweltschutz und Menschenrechte rückten immer mehr in den Vordergrund.

 

Autobiografie von Max Lehmann
Schafmattweg 13, CH-4102 Binningen
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