Meine Eltern
(Kapitel aus meiner Autobiografie "Ich habe gelebt !" Letzte Aenderung: Version 1.2 vom 26. Okt. 2016)

Ich bin ein Secondo

Meine beiden Eltern kamen aus dem damals deutschen Elsass-Lothringen und dem badischen Markgräflerland, und wurden dort auch geboren. Die Familie unserer späteren Mutter wanderte kurz nach Ausbruch des des 1. Weltkrieges in die Schweiz aus. Die Bugginger erst nach Kriegsende. Sie waren eine Art Migranten.

Willy Lehmann und Margaretha Schmitt in den 30er-Jahren
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Margaretha Schmitt in den 30er-Jahren
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28. Feb. 1941: Hochzeit in der St. Jakobskirche in Basel

Anlässlich eines Jahres-Anlasses des Männerchor Kleinhüningens haben sich die beiden kennengelernt. Mein Vater war Dirigent und sein zukünftiger Schwiegervater Henri Schmitt aktiver Sänger.

Meine Eltern haben während eines Urlaubes in der Aktividienstzeit am 28. Feb. 1941 in der St. Jakobskirche in Basel geheiratet. Da er oft den Hochzeitstag vergass, verschob mein Vater das Hochzeitsdatum auf den 29. Feb, sodass er nur alle 4 Jahre daran denken musste.

Hochzeit meiner Eltern am 28. 2. 1941 in der Kirche zu St. Jakob
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Mein Vater: Willy

Mein Vater Willy wurde am 6. Juni 1913 in Buggingen als 2. Sohn von Gustav Lehmann und Elisabeth Schneider geboren. Er hatte zwei Geschwister, seinen älteren Bruder Gustav Lehmann-Stöbe und seine viele Jahre jüngere Schwester Nina Lehmann-Hauck, die beide meine Paten waren.

Seine Familie zog nach dem Ende des 1. Weltkrieges, wie so viele seiner Zeit, nach Basel in die Schweiz, wo sein Vater Gustav als Zimmermann bei der "Fensterfabrik Nielsen-Bohny" Arbeit fand. Seine Mutter Elisabeth Schneider starb nach kurzer Zeit und sein Vater heiratete wenig später die Louise Schmidt. Ich vermute, zu der Zeit brauchte man eine Frau zum Führen des Haushaltes und zur Erziehung der beiden jungen Söhne. Aus dieser zweiten Ehe entstammte die erwähnte Nina Lehmann als Nachzüglerin.


Unterschrift meines Vaters Willi Lehmann

Mein Vater hatte eine kaufmännische Lehre gemacht und in verschiedenen Firmen gearbeitet. Er war in den schwierigen 30er-Jahren auch arbeitslos. Wie er mir erzählte, war es schwierig, eine Arbeit zu bekommen. Er habe sich sogar beim Zoll vorgestellt, diese hätten ihn aber nicht genommen, da seine Ausbildung zu hoch gewesen wäre. Er hätte den Zoll bei erstbester Gelegenheit wieder verlassen, meinten die Zoll-Personalabteilung. Schlussendlich fand er Ende der 30er-Jahre eine Anstellung beim Grundbuchamt, wo er lange blieb.

Irgendwann in der 40er-Jahren wechselte er zur Basler Vormundschaftsbehöde am Rheinsprung, wo er es bis zum Substitut brachte. Substitut bedeutete Stellvertreter eines Abteilungsleiters. Dies war die höchste Stufe, die man ohne Studium und Doktortitel erreichen konnte. Ja, zu der Zeit gab es noch den "Herrn Doktor". Viele Freunde und Bekannte achteten meinen Vater sehr, denn ein Beamter im Staatsbetrieb und dann noch Substitut war etwas besseres, obwohl sein Gehalt nicht übertrieben hoch gewesen sein musste. Beeindruckt hat mich immer seine wunderbare Unterschrift. Sie war einmalig. Und wie er sie zelebrierte und schwungvoll aufs Papier zeichnete. Immer gleich und sehr charaktervoll.

Willy Lehmann auf der Vormundschaftsbehörde
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Ausweis der Vormundschaftsbehörde (April 1955)

Papi ca 1955

Mein Vater war sehr stolz auf seine militärischen und beruflichen Erfolge. Immer wieder erzählten er oder meine Mutter, bis ins hohe Alter, wie weit er es geschafft hatte. Sie nannten ehrfurchtsvoll die Namen seiner Vorgesetzten, der "Herr Doktor Hauser" oder "Herr Doktor Andreas Saxer", der das Praktikum auf der Vormundschaftsbehörde machte. Dr. Saxer sollte mir später noch beistehen, als mein Vater 1964 in England bei einem Autounfall in England tödlich verunglückte. Wahrscheinlich war es für diese Zeit auch etwas spezielles, denn er brachte es bis in Positionen, die studierten Leuten vorbehalten waren. Diese stolzen Erzählungen habe mich fürs Leben geprägt. Ich wurde ehrgeizig, denn ich wollte besser werden als mein Vater.

Militärische Karriere

Ich habe es schon erwähnt. Mein Vater war stolz auf senen Grad als Wachtmeister. In diesem Zusammenhang muss man berücksichtigen, dass in seiner Zeit nur ein Akademiker in die Offizierskaste kommen konnte. So war sein Grad eines "Zugführer-Stellvertreter" beachtlich. Was ich ebenfalls hoch anrechne, die Aktivdienstzeit während des zweiten Wetkrieges zwischen 1939 und 1945. Er musste mehrmals einrücken und war dann Monate von zu Hause weg. Zwischen zwei solchen Heimaturlauben hat er geheiratet und mich dann 1 Jahr später im Winter 1942 auch gezeugt. Meine Schwester ist dann eher ein Kind aus der Endkriegszeit, also gezeugt etwa. im Feb-März 1945.

Wachtmeister Willy Lehmann
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Politik

In seinen späteren Jahren beschäftigte sich mein Vater immer mehr mit Politik. Er gehörte der Radikal Demokratischen Partei an, die in der Zwischenzeit mit den Freisinnigen fusionierte. Dr. Jenni, einer der damaligen Regierungsräte gehörte zu den verehrten Vorbildern meines Vaters. Er hat es aber in der Politik nicht weit gebracht. Er stellte sich zwar den Wahlen in den Basel-Städtischen Grossrat, wurde aber nicht gewählt. Sein grösster Erfolg war die Wahl in den Verwaltungsrat des ACV (Allg. Consum Verein).

Seine politische Einstellung hat mich unzweifelhaft geprägt. Diskutiert haben wir zwar nie, denn dies war zu jener Zeit nicht opportun. Man achtete den Vater und hörte ihm zu. Immer wieder vernahm ich sein Credo "So wenig Staat wie nötig!" Er erzählte mir auch amüsante, politisch gefärbte Episoden über die damaligen Politiker. Da gab es den SP-Politiker Andreas Gerwig, Nationalrat, über den mein Vater mir erzählte, dass er zu Hause ein tolles Auto stehen habe, aber zu Fuss resp. mit dem Fahrrad zu den Parteiversammlungen gehe. Die Arbeiter sollten sehen, wie er zu ihnen passt, obwohl er als Anwalt ein reicher Mann war. Ich blieb Zeit meines Lebens ein Freisinniger, der möglichst wenig Staat wollte.

Tod meines Vaters am 4. August 1964

51 Jahre alt war mein Vater, als er am 4. August 1964 im englischen Poole bei Bournemouth mit einem Militär-Transporter zusammenstiess und wegen der schweren inneren Verletzungen auf der Unglücksstelle verschied. In seinem Auto sassen auch meine Mutter und Schwester Christina, die nur leicht verletzt wurden.

Ich war zu der Zeit in der Offiziersschule in Dübendorf als ich vom Schiesstand ins Büro des Schulkommandanten befohlen wurde, wo mir diese Schreckens-Nachricht mitgeteilt wurde.

Dieser Todesfall hat mich mehr beschäftigt, als ich je zugab. Ich verlor mein Vorbild und meinen Ansporn zu Höherem. Endlich war ich doch erfolgreich und hatte es mit eigener Kraft zu etwas speziellem gebracht, aber ich konnte dies niemandem zeigen. Wie gerne hätte ich doch stolze Eltern erlebt.

Mehr dazu im eigenständigen Kapitel über den "4. August 1964 - Tod meines Vaters - Ein Tag mit grossen persönlichen Konsequenzen", denn dieses Ereignis hat mich unheimlich geprägt. Ich wurde auf einmal Oberhaupt der Familie!


Meine Mutter noch ledig
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Meine Mutter: Margaretha oder Margrit

Zeit ihres Lebens legte meine Mutter viel Wert auf ihren echten Namen Margaretha. Sie wollte mit Margaretha angesprochen werden. Als Krankenschwester musste sie den Namen " Schwester Margot" akzeptieren, da es bereits eine Margrit und Margaretha gab. Den Kurznamen "Margrit" duldete sie nur in der Verwandtschaft.

Schwester Margot in der Lindenhofschule
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Vergleichbar meinem Vater, der stolz auf seine militärische Karriere war, war unsere Mutter stolz auf ihre Krankenschwestern-Ausbildung im Lindenhof in Bern. Dies sei die damals einzig gute Schule für Krankenschwestern gewesen. Sie stand unter dem Patronat des Roten Kreuzes. Der Zusammenhalt der Lindenhöflerinnen war einmalig. Noch bis ins hohe Alter trafen sie sich einmal jährlich. In den letzten Jahren war Mami die älteste der noch lebenden Lindenhof-Schwestern.

Ihre Geburtstags-Einladungen

Mamama feierte gerne ihre Geburtstage und traf dabei gerne ihre ganze Verwandtschaft und Freunde aus früheren Jahren. Unvergesslich sind ihre Einladungen zu ihren geraden Geburtstagen:

70. Geburtstag

Am 22. Nov. 1981 lud sie ein zu ihrem 70. Geburtstag in das Restaurant Rebstock in Muttenz. Alle kamen: Die Allschwiler, s'Bethli Jauslin, Louis aus St. Louis, Christina und ich mit Familie, Götte Guschti, Märthel und meine Cousine Lisbeth, Götti Otti und s'Marieli mit meinem Patenkind Marianne.

80. Geburtstag

Einmal in ihrem Leben wollte sie im Sommer Geburtstag feiern. Es war ihr leid, immer an Weihnachten im Mittelpunkt zu stehen. Am Freitag, 9. August 1991 erfüllte sie sich diesen Wunsch und lud ein in das Restaurant Storchen beim Fischmarkt in Basel. Es kamen alle. Auch ihr 5 weiblichen Enkelkinder, denn sowohl Christina als auch ich produzierten weibliche Enkel. Berühmt war das Mühleli-Lied. Wir schnekten ihr Ferien auf Teneriffa und als Zeichen dafür ein Bikinbi, dass Mamama über ihren Rock fredig anzog

90. Geburtstag

An Heiligen Abend 2001 feierte unsere Mami ihren 90. Geburtstag. Zu Ihren Ehren habe ich mein jährliches Weihnachtsessen mit meinen Kindern und ihren Freunden auf den Vorabend des 24. Dez. gelegt und alle nach Zuchwil (Kanton Solothurn) eingeladen, wo ich damals bei Claudia wohnte. Es gab Fondue Chinoise mit Nüssli-Salat und Pommes-Frites. Claudia war meine grosse Hilfe und hat unser Wohnzimmer wunderbar geschmückt. Daniela hat eine selbstgemachte Schwarzwäldertorte mitgebracht ........ Dann um Mitternacht auf den 24. Dezember stiessen wir alle auf den runden Geburtstag an. Meine Mutter schlief bei uns in Zuchwil. Es war ein ganz schöner Abend inmitten der Familie.

Am nächsten Nachmittag, es war mittlerweilen der 24. Dezember, fuhren wir mit Mamama von Zuchwil in Richtung Landschlacht am Bodensee, wo sie die Festtage bis anfangs Januar inmitten von ihren Seniorinnen verbringen wollte. Aber ich hielt mich nicht an die Strecke und fuhr ohne ihr Wissen (als Ueberraschung) zu meiner Schwester nach Rebstein im St.-Galler-Rheintal, wo es zur 2. grossen Geburtstags-Party mit Ihren beiden Kindern und den 5 Enkelkinder und der Ur-Enkelin Anina kam.

Diese Festivitäten müssen meiner Mutter sehr gefallen haben, denn in einem Telefon vom 25. Dezember meinte sie begeistert: "90 Jahre muss man werden, um so etwas zu erleben!!!!"

90. Geburtstag von Mamama
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Das zweite Leben meiner Mutter

Als ich in der Lehre als Laborant war und meine Schwester das Institut im Welschland besuchte, begann meine Mutter in Teilzeit in der Spitalverwaltung zu arbeiten. Nach dem Tod meines Vaters im 1964 arbeitete meine Mutter weiterhin in der Spitalverwaltung in verschiedenen Positionen bis sie pensioniert wurde. Dann begann sie herumzureisen. Bis zu 15 Reise-Termine jährlich musste ich mir aufschreiben, denn in dieser Zeit war ich gefordert. Anfänglich alle 2 Tage ihre Katzen füttern und anschliessend 1x wöchentlich ihren Pflanzen Wasser geben.

Grosse Reisen machte sie mit den Geographen. Nicht nur nach Griechenland und Aegypten, sie reiste auch nach Tibet ins Himalaya-Gebiet. Sie war damals mit Abstand die Aelteste und musste auf 4000 m Höhe mit Coramin, einem Herzmittel, versorgt werden. Später, als ihr Augenlicht nachliess blieb sie eher in der Schweiz und benutzte die vielfältigen Angebote des Blindenverbandes. Aber nach Hamburg zu Susi reiste sie bis ins hohe Alter.

Mamama's Ferienplanung des Jahres 1998:

24.1. - 6.2.: Andeer
14. 3. - 17. 3.: Saanen (OeKK Basel)
28. 3. - 8. 4.: Landschlacht
11. 4. - 17. 4.: Tanzen Saanen
2. 5. - 8. 5.: Volkstanz Saanen
12. 5. - 23. 5.: Ungarn
6. 6. - 17. 6: Schwarzwald
22. 6. - 6. 6.: Rhodos
10. 8. - 17. 8.: Hamburh
5. 9. - 12. 9. : Kreativ
13. 10. - 17. 10.: Venedig
17. 10. - 23. 10.: Saanen
31. 10. - 5. 11.: Tanzen Saanen
29. 11. - 3. 12.: Aeschi (Seminar Stadtmission)

Mamama's Ferienplanung des Jahres 1999:

23. 1. - 5. 2.: Andeer
6. 3. - 17. 3. : Landschlacht
26. 3. - 29. 3: Solsana
20. 4. - 27. 4 : Engelberg
8. 5. - 15. 5.: Weggis
20. 5. - 27. 5.: Bad Ramsach
9. 6. - 12. 6.: Solsana
22. 7. - 5. 8.: Landschlacht
3. 9. - 9. 9: Solsana
10. 9. - 16. 9.: Solsana
6. 10. - 8. 10.: St. Antönien
15. 10. - 21.10.: Solsana

Beim Betrachten dieser Ferien-Aktivitäten kann jedermann erahnen, woher ich meine Reisefreudigkeit geerbt habe.

Mamama in ihren besten Jahren
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Mamama an der Hochzeit Christina und Arnold (Mai 1980)

Einige Jahre nach ihrer Pensionierung, es muss Ende der 70er-Jahre gewesen sein, kaufte sich meine Mutter eine raffinierte Spiegelreflex-Kamera mit Tele-Zoom-Objektiv. Niemand wusste etwas davon. Ich erfuhr es erst, als sie mich anrief und mich via Telefon über deren Bedienung ausfragte. Es musste schnell gehen, denn drei Tage später reiste sie nach Indien ab. Ich wohnte noch in Toffen (Bern) und konnte nicht gross helfen. Aber ich alarmierte Peter Aeschlimann, der sie in einem Schnellkurs anlernte. Es war schon erstaunlich. Sie bekam die Technik recht gut in den Griff und machte in der Folge wunderbare Dias.

Fortan war meine Mutter die "rasende Fotografin" ihrer Zeit. Sie machte Dias und hielt Vorträge bei Pro Senectute und in Alters- und Pfegeheimen. Mit viel Sorgfalt bereitete sie ihre Vorträge vor und war glücklich dabei.

Mamama bereits älter
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Identitätskarte Juni 1994

Mami in Gunten (Juni 2004)

Lange Zeit gehörte das Nähen von Kleidern und Accessoires zu den Lieblingsbeschäftigungen unserer Mamama, wie sie von unseren Kindern liebevoll genannt wurde. Sie belegte jahrelang Nähkurse in der "Fraueli" (Frauen-Arbeitsschule). Sie gehörte dort zum Inventar. Mein Freund Fritz, der mit Dekorationsstoffen handelte, schenkte ihr immer wieder Stoffmuster. Es war für sie ein Eldorado, wenn ich einen Koffer voll Muster-Kollektionen abholen konnte. Dann war sie richtig glücklich.

Mamama bereits 93-jährig
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Mami im Solsana in Gstaad (Juni 2005)

Als sie jedoch gegen das 80. Altersjahr ging, litt sie zusehends unter der Augen-Krankheit "Makula-Degeneration", was mit dem Nachlassen der zentralen Sehschärfe zu hochgradiger Sehbehinderung und fast vollständiger Blindheit führte. Diese Krankheit hatte einschneidende Folgen für alle Ihre Interessen. Bald konnte sie nicht mehr nähen. Sie brauchte einen grösseren Fernseher und schaute aus kurzem Abstand die Sendungen. Sie brauchte ein spezielles Lesegerät, unter dem sie den Lesestoff, die Rechnungen und Briefe stark vergrössern konnte. Durch ihre Sehschwäche war sie auch zunehmend unsicher auf den Beinen. Als nächstes kam ein Rollator und ein Blindenstock dazu. Tapfer stand sie zu ihrer Krankheit und trat dem Blindenverband bei. Dort bestellte sie Höhrbücher, denn lesen konnte sie nicht mehr.

Damals war ganz normal, dass man als Sohn oder Tochter seinen Eltern half und sie unterstützte, wo immer es notwendig war. Leider musste ich schmerzvoll feststellen, dass sich dies in der heutigen Generation total geändert hat. Die heutigen Kinder leben ihr Leben und dazu gehören die "Alten" nicht mehr.

Als meine Mutter immer schlechter sehen konnte, gehörte es zu meinem Aufgaben, sie wöchentlich zu besuchen und ihr die Post vorzulesen, zu beantworten und Rechnungen einzuzahlen, sowie ihre Termine im Kalender anzupassen. Trotz ihrer Sehschwäche blieb sie eine vielbesuchte und kontaktfreudige Frau. Parallel zu mir kam täglich die Spitex zu ihr, um zu putzen, einzukaufen und ihr beim Baden zu helfen. Sie wohnte weiterhin in ihrer 2-Zimmer-Alterswohnung am St. Johanns-Ring.

Mitte August 2000 bin ich ob dem Aussehen und der Lebensfreude meiner Mutter richtig erschrocken. Sie hatte eine Lungenentzündung, was sich aber erst später herausstellte, denn sie selbst fühlte sich nur stark erkältet !!!!! Meine Mutter sprach erstmals vor mir vom Tod und vom leichten Einschlafen. Glücklicherweise erholte sie sich aber bald wieder recht gut, nachdem sie sich sogar in ambulanter Behandlung (!!!) Wasser aus der Lunge saugen liess.

Im Nov. 2002 hat meine Mutter in der Eisenbahn einen Fehltritt gemacht und ist dabei gestürzt. Seither litt sie unter starken Rücken- und Beinschmerzen und ging nur noch selten aus dem Hause.

Der Anfang vom Ende meiner Mutter begann, als sie am 25. April 2003 mit dem Rollator vor dem Thomas-Platter-Spital stürzte und sich ihr Fernsenbein brach. Sie musste nicht operiert werden, sie bekam einen Spezialschuh und konnte bald wieder umhergehen. Um diese Zeit war ich aber oft im Ausland in den Ferien und konnte nicht mehr tagtäglich vorbeischauen. So entschied sich meine Schwester Christina, unsere Mutter zu sich in ein Altersheim nach Rebstein zu bringen.

Am 8. März 2007 verstarb meine Mutter 96-jährig in Rebstein, indem sie ohne Schmerzen friedlich einschlafen konnte. Meine Schwester war eben bei ihr auf Besuch. So muss sterben schön sein!

Lebenslauf meiner Mutter
Vorgelesen am 22. März 2007 anlässlich ihrer Abdankung in der evang. Kirche in Rebstein


Mami mit Dreikönigs-Krone am 6.1.2003

Der Nachruf meiner Mutter beschreibt das wichtigste in Kürze. Es gibt nur dies zu ergänzen, dass sie die "Lehmannsche-Schwestern-Dynastie" gründete. Ihr eiferten ihre Tochter und meine Schwester Christina nach, aber auch zwei deren drei Töchter Stephanie und Regula, und dann auch meine ältere Tochter Katja.

Unsere Mutter, Margrit Lehmann Schmitt, wurde am 24. Dezember 1911 Morgens um 7 Uhr in Hegenheim im Elsass geboren. Sie war die Aelteste von drei Kindern, dem Bruder Emil und ihrer Schwester Rosa. Mit 2 Jahren zog die Familie nach Basel, wo die Eltern Arbeit in der Seidenbandfabrik Vischer & Cie. AG fanden. Der Vater als Meister und die Mutter in der Weberei. Am 10. Mai 1928 erhielt sie das Schweizer Bürgerrecht.

Nach der obligatorischen Schulzeit und 2 Jahren Handelsschule zog es unsere Mutter in die Ferne. Sie fuhr 1930 nach England, Tenbury, Wales, wo sie in einer reichen Familie neben mehreren Bediensteten als Houseparlmaid (besseres Dienstmädchen) arbeitete. Nach 2 Jahren kam sie mit einem Retourbillet in der Tasche zurück zu einem Besuch nach Hause. Ihr Vater aber liess sie nicht mehr gehen, da er Angst hatte, dass sie in England bleiben würde.

Nach 2 Jahren, während denen sie als kaufmännische Angestellte arbeitete, packte sie erneut das Fernweh. Ueber eine Stellenvermittlung fand sie eine Stelle in Lyon, Frankreich als Erzieherin bei 5 Kindern. Obwohl es ihr sehr gut gefiel, blieb sie nur 6 Monate dort, da sie mit den Kindern deutsch sprechen sollte. Unsere Mutter aber wollte ihr Französisch verbessern.

Wieder zu Hause, meldete sie sich in Bern zur Ausbildung an der Rotkreuz-Schwesternschule Lindenhof an, um Krankenschwester zu werden. 1934 konnte sie mit der Ausbildung beginnen. (Bem: Max: Sie war zeitlebens stolz darauf, dass sie eine Lindenhof-Schwester war. Nach ihrer Meinung war der Lindenhof die mit Abstand beste Schwesternschule in der Schweiz.)

Schon vor der Schwesternschule lernte sie ihren zukünftigen Mann Willy Lehmann kennen. Er sang im selben Männerchor, wie ihr Vater. Erst die Schule, dann der Aktivdienst, beide mussten sich gedulden bis sie am 28. Feb. 1941 schliesslich heirateten.

1942 kam ihr Sohn Max, und drei Jahre später die Tochter Christina zur Welt. Die Kriegszeiten waren hart in Basel. Das Geld knapp, der Mann im Aktivdienst. Unsere Mutter musste mit Heimarbeit die Familie über die Runden bringen. Nach dem Krieg ging es langsam aufwärts.

Neben dem Haushalt, der sicher auch aufwendiger war als heute (ich sehe sie heute noch im Dampf der Waschküche vor dem grossen Waschkessel, der mit Feuer aufgeheizt wurde.), hatten meine Eltern einen Schrebergarten. Wir hatten verschiedene Beeren und viele Blumen. Ich kann mich erinnern, dass unsere Mutter den ganzen Sommer über am Unkraut jäten war.

Unsere Mutter war immer sehr aktiv und frohen Mutes. Sie war in der Schulpflege tätig und half im Quartierverein. Als wir in der Oberstufe waren konnte unsere Mutter im Kantonsspital eine Halbtagsstelle in der Nachsorge besetzen. Sie liebte es, unter Leuten zu sein.

Ihre grosse Leidenschaft war das Nähen. Jahrelang besuchte sie die Frauenarbeitsschule und nähte viele ihrer Kleider selbst. Jede freie Minute sass sie an der Nähmaschine bis in die späten Nachtstunden.

Mit 53 Jahren verlor unsere Mutter, bei einem Autounfall ihren Mann, und wir unseren Vater. Plötzlich musste sie ihr Leben selber in die Hand nehmen. Es war keine einfache Zeit.

Mit 65 Jahren hörte sie auf zu arbeiten und hatte fortan mehr Zeit für sich. Sie schloss sich Wandergruppen an und unternahm interessante Reisen in die ganze Welt. Sie besuchte mich (Christina) für einige Wochen in Montreal, wo sie alleine auf Erkundung ging. Von ihren Reisen machte sie Dias, die sie dann in der Kirchgemeinde und Altersgruppen zeigte.

Viel Freude hatte unsere Mutter an ihren 5 Enkeltöchtern, die sie liebevoll Mamama nannten. Oft konnten sie nach Basel in die Ferien, wo unsere Mutter viel mit ihnen unternahm.

Leider liess mit ca. 80 Jahren ihr Augenlicht nach und sie sah immer weniger. Es schmerzte sie, dass sie nicht mehr nähen konnte. Auch fühlte sie sich nicht mehr gleich sicher auf den Beinen. Kurz entschlossen kaufte sie sich einen "Rollator" und einen weissen Stock, meldete sich beim Blindenverband an und besuchte allerlei Kurse im Blindenzentrum Basel, sowie Ferienkurse in Landschlacht oder Gstaad Da sie nicht mehr lesen konnte, hörte sie sich regelmässig die Hörbücher der Blindenbibliothek an. Trotz der Sehbehinderung unternahm sie weiterhin Reisen und kam regelmässig mit dem Zug nach Rebstein zu Christina.

Nach einem Spitalaufenthalt im Sommer 2006 konnte sie nicht mehr in ihre Wohnung zurück und entschloss sich nach Rebstein zu zügeln. Obwohl sie nie in ein Altersheim wollte, fand sie sich schnell im Geserhus zurecht und wohl. Sie war glücklich, wenn sie sich mit Leuten unterhalten konnte und wenn Aktivitäten stattfanden.

Die liebevolle Pflege hat sie sehr geschätzt und ihr Wunsch, friedlich einzuschlafen, hat sich am 8. März 2007 im Geserhus in Rebstein erfüllt.

Unsere Mutter war eine tapfere, mutige und fröhliche Frau. Wir werden sie als Vorbild in unserer Erinnerung behalten.

Aus dem Alltag der Lehmänner

Partnerschaft

Die Art und Bedeutung der Ehe hat sich im Laufe der Zeit stark verändert. Für meine Eltern diente sie dem Zweck der Vermehrung und bildete eine Art Schicksalsgemeinschaft. Man brauchte einander, um zu überleben. Der Mann arbeitete und brachte das Geld nach Hause, während die Frau für den Haushalt und die Kindererziehung verantwortlich war. Die Hausarbeit war damals noch sehr aufwendig, denn die Automation stand noch in den Kinderschuhen. Allein der Waschtag war ein knochenharter Arbeitstag beginnend früh morgens mit dem Anheizen des Waschwasser mit Holz-Feuer. Die wenigsten Frauen haben damals gearbeitet. Lange Zeit hatte der Ehemann alle Rechte. Seine Frau keine! Er konnte eine Wohnung kündigen. Seine Frau war ihm "untertan" wie es so schön bei der Trauungs-Zeremonie hiess.

Da es zur der Zeit noch keine Pillen zur Schwangerschaftsverhütung gab, blieben nur die teueren Kondome, die man beim Coiffeur kaufen konnte. So beschränkte sich Sex aufs Kinder kriegen. Anschliessend lebte man wahrscheinlich einfach miteinander wie Bruder und Schwester. Wie mir meine Schwester berichtete, hat Mami ihr gebeichtet, dass unser Vater oft Lust auf Sex hatte, wenn grosse Wäsche angesagt war. Dies war eine harte Arbeit im Keller, denn da wurde von Hand gewaschen, den Waschbottich mit Holz gefeuert. So hatte meine Mutter abends keine Lust mehr und ging müde ins Bett.

Trotzdem glaube ich nicht, dass die beiden ein reges Sex-Leben hatten. Dies entsprach auch nicht der Art meines Vaters, aber auch nicht meiner Mutter. Ich habe meine Eltern nie zärtlich miteinander gesehen. Es gab nie eine zärtliche Umarmung oder ein Kuss. Diese Gefühlsregungen kannten wir nicht. Nach dem Tod ihres Mannes im 1964 hatte unsere Mutter, damals 54-jährig, nie eine Freund- oder eine neue Partnerschaft angestrebt. Dieses Thema hat sie auch auf Anfrage schamhaft verneint.

Zahltag

Wie es seine Aufgabe war, unser Vater arbeitete und brachte das Geld nach Hause. Dies war zu der Zeit nicht selbstverständlich, denn viele seiner männlichen Geschlechtsgenossen haben den oder Teile des Zahltags in der nächsten Gaststätte "versoffen". Der Zahltag wurde nämlich nicht auf eine Bank überwiesen, sondern vom Vorgesetzten im Zahltagstäschli übergeben.

Was zu der Zeit nicht selbstverständlich war, unsere Mutter verwaltete das Geld. Sie führte eine Ferien-Kasse für unsere regelmässigen Ferien, eine andere später fürs Auto. Papi bekam sein monatliches Sackgeld. Humorvoll meinte er, er habe sein Gehalt abgegeben und dafür legte meine Mutter ihm einen Fünfliber aufs Nachttischli. Mein Vater konnte scheinbar mit dem Geld nicht umgehen.

Religion

Obwohl unsere Mutter katholisch war, wurden wir protestantisch erzogen. Unser Vater hatte sich durchgesetzt. Ich vermute, dass dies ein weiteres typisches Beispiel jener Zeit war, in der der Mann Chef der Familie war und das Leben bestimmte. Wir haben nie darunter gelitten. Es war auch nie ein Thema. Für unsere Mutter waren beide Kirchen akzeptierbar und wichtig fürs Leben.

Als mein Vater begann, sich politisch zu betätigen, wurde er auch in den Evang. Kirchenrat der Peterskirche gewählt. Nun mussten wir immer in die Kirche gehen. Aber was für uns Kinder schlimmer war, wenn es nach dem normalen Gottesdienst ein "Abendmahl" gab, dann mussten wir sitzen bleiben, denn unser Vater half beim Austeilen des Traubensaftes aus dem goldenen Becher und sagte dazu "Amen".

Lebensqualität im Haushalt eines Staatsbeamten

Das Gehalt eines Staatsbeamten, wie es mein Vater war, schuf eine ausreichende materielle Basis. Mehr aber nicht. Wir hatten keine Sorgen um das tägliche Brot, es reichte auch zum Sonntagsbraten oder zum Hühnchen, aber wir lebten gezwungenermassen sparsam und bescheiden, immer im Bewusstsein, dass das Geld nicht auf der Strasse lag, sondern hart erarbeitet werden musste. Es war ein typischer Beamtenhaushalt, gutbürgerlich ohne Auto und ohne Luxus.

Gegessen wurde, was auf den Tisch kam: werktags Nudeln oder Kartoffeln mit Gemüse, Freitags Fisch und nur zwei Mal die Woche Fleisch. Meine Mutter war eine ausgezeichnete Köchin und unser Schrebergarten lieferte viel frisches Gemüse, Kräuter und Salate, Rhabarber und Beeren.

Für grosse Festivitäten fehlte unserer Familie das Geld, Theater- und Konzertbesuche lagen schon aus Desinteresse nicht drin. Ein Röhren Radio musste allen Interessen der ganzen Familie genügen. Ueber einen Ein-/Aus-Schalter konnte man mir die laufende Sendung auf meinen Lautsprecher in meinem Zimmer schalten. Zum Fernsehen mussten wir Verwandte aufsuchen. Meist ging es zu den Allschwilern, die schon früh gegen Ende der 50er-Jahren über einen Schwarz-Weiss-Fernseher verfügten. Wir starteten direkt mit einem Farb-Fernseher anfangs der 60er-Jahre.

Freunde unserer Familie

Ausserhalb unserer Verwandtschaft aus dem Elsass, dem Allschwil und Buggingen erinnere ich mich nur an wenige Freunde meiner Eltern. Meine Eltern gingen nie in ein Restaurant, um etwas zu trinken oder gar zu essen. Dazu reichte das Geld nicht.

Mülhauserstrasse
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Autobiografie von Max Lehmann
Schafmattweg 13, CH-4102 Binningen
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